Wiederholungen
Ich gehe davon aus, dass es die „Wiederholung“ nur in den Augen der Zuschauer gibt. Nichts ist wirklich wiederholbar, alles wird reproduziert und speist sich aus der Zeit und den Erfahrungen bis eben zu jenem Zeitpunkt hin, an dem wir zuschauen. Jemand der einen Teller Suppe löffelt, wiederholt scheinbar immer die selbe Armbewegung, aber mit immer neu entstehendem Sinn und dem Ziel dieser Verrichtung tatsächlich näherkommend. Das mehrmalige Riesenradfahren wiederholt zwar immer den selben Vorgang, aber mit zunehmender Befriedigung oder dabei entstehendem Brechreiz. Das heißt, man könnte einen Großteil Realität durch Wiederholung darstellen (beispielsweise im Wechsel von Tag und Nacht) und doch sind die sich in den Wiederholungen verschiebenden Erfahrungen eigentlich der Sinn der Wiederholung. Für ein Theater der Wahrnehmungspräzisierung ist die „Wiederholung“ sogar die interessanteste Schablone für die Erkennbarkeit des „kleinen Unterschieds“ durch Erfahrungs- oder Zeitgewinn/verlust. Man könnte auch sagen, dass wir bestimmte Dinge im Leben solange wiederholen, bis der Zeitpunkt einer Qualitätsveränderung unseres Lebens zwingend eingetreten ist. Diesen Punkt benötigt das Theatermodell notwendigerweise, um von einer Veränderung im Denken oder Handeln überhaupt eine Wahrnehmung schaffen zu können. Bis hier ist das konventionelle Theater auch einer Meinung mit uns. Wenn es allerdings daran geht, stagnative Systeme zu zeigen, deren Dramatik darin begründet ist, dass sie diesen Qualitätssprung, trotz entstandener Notwendigkeit, nicht bewältigen, trennen sich die Wege. Das heißt, wir versuchen aus der „Wiederholung“, also der Reproduktion im Bühnenstück, ein Veränderungspotential als Bedürfniss im Betrachter zu wecken, welches die Tragödie des Todes auf der Bühne verstärkt, bevor wir uns einem weiteren Verlauf zuwenden. Abgesehen davon, dass „negative Wirklichkeiten“ im anderen Falle ausgeschlossen werden müßten. Die Selbstreferenzialität im Vorgang selber gibt überdies Einsichten, die uns normalerweise als Paradoxon erscheinen würden. Eine Kunstfigur muß selbst erkennen können, wann der Moment der Sinnentleerung eingetreten ist, damit wir eine Vorstellung von ihrem Denken bekommen können. Es gibt so viele Dinge, die erst in der Reproduktion sichtbar werden, dass es schade wäre, nur aus Gründen der oberflächlichen Kurzweil des Betrachters darauf zu verzichten.